Vergiss Amsterdam! (Süddeutsche Zeitung, 15-12-2010)


Marente de Moors Debütroman über russische Migranten

Amsterdam und zurück Sie kommen aus dem Nichts. Sie überschwemmen die Plätze Amsterdams mit kitschigen Bildchen von grellbunten Brücken und Fahrrädern, leuchtenden Fassaden und Grachten. Da stehen sie dann, blinzeln verächtlich in den hellen Tag hinein und scheinen sich mit den letzten Sonnenstrahlen in Luft aufzulösen. Bis zum nächsten Morgen. Marente de Moor heftet sich an die Fersen eines aufdringlich präsenten, von den Einheimischen konsequent ignorierten Berufsstandes und begleitet die exilrussischen Andenkenhändler abends in ihre wodkadunstigen Diaspora-WG-Küchen.
In ihrem Debütroman „Amsterdam und zurück“ lässt die niederländische Autorin ihre Hauptfigur Witali – Russe, Mitte zwanzig, zum ersten Mal im Westen – in ein postsowjetisches Panoptikum stolpern: mitten im Amsterdam der frühen neunziger Jahre und doch fernab des niederländischen Alltags. Solche Parallelgesellschaftsszenarien bergen oft die Gefahr, nur allzu bekannte Klischees wiederzukäuen. De Moor lässt sich davon nicht schrecken. Sie spart weder an alkoholschwerer Wehmut, noch an nostalgischem UdSSR-Nippes und schafft es so beiläufig, den – äußeren und inneren – Mechanismen nachzuspüren, die einen Menschen in der Fremde zum Prototypen seiner Community werden lassen.
Der Weg, den Witali einschlägt, ist der des geringsten Widerstandes. Schon die Reise in den Westen war nicht seine Idee, sondern die der Großmutter: Man dürfe nicht zu lange an einem Ort bleiben, hatte diese ihm zu Hause gepredigt, „sonst passiert so was – und sie deutete zum anderen Zimmer, wo Witalis Eltern beim Melodienraten im Fernsehen mitsangen“. Witali zieht bei seinem Cousin, dem Künstler Ilia, ein. Abends wird der Erlös aus dem Verkauf „selbst gemalter“ Stadtansichten auf den Kopf gehauen, in Lokalen, in denen mitten im Sommer Aufzeichnungen russischer Silvestershows über die Bildschirme flackern.
Dort trifft man immer auf die gleichen Gestalten: Den aufgeblasenen Mischa, Star der Straßenhändlerszene, den verspulten Carlos-Castaneda-Jünger Tjoma, Roman, ehemals Lehrer für die Geschichte der KPdSU, und all die anderen. Irgendwann während ihres Aufbruchs in eine neue Welt sind sie hängen geblieben, in einem Gewirr aus äußeren Zwängen, Heimweh und der Angst vor der Fremde.
De Moor, die 1972 geboren wurde, als Korrespondentin in Russland gelebt hat und heute für die Wochenzeitung Vrij Nederland schreibt, porträtiert in kenntnisreichen Nahaufnahmen eine verschrobene und hoffnungslose Emigranten-Szene. Sie erzählt mit unaufdringlichem Witz und einer Lakonie, die ein wenig an Wladimir Kaminer erinnert. Immer ist sie nahe an ihrem Protagonisten, dessen Betrachtungen sie manchmal ganz unerwartet in Bilder von einer fast widerwillig wirkenden Poesie münden lässt. Hier und da streut sie kleine surreale Momente ein, wenn etwa Witali und Ilja am selben Tag fast gleichlautende Briefe ihrer Mütter bekommen – auch sie scheint das Diaspora-Virus gepackt zu haben, das sie in synchron klagende Auswanderer-Mütterchen verwandelt.
Der Titel des Buches verrät bereits, dass Witali nicht bleiben wird. „Mach es nicht so wie wir“, hatte ein Freund dem Neuen geraten. „Sie haben uns zu Dorfbewohnern gemacht, die gemeinsam um den Holzofen hocken, weil draußen angeblich ein Schneesturm tobt.“ Witali verlässt das neue Dorf. Ein Albtraum, der ihn seit seiner Militärzeit plagt, verlangt nach Klärung. Die kann er nur hoch im Norden an der finnisch-russischen Grenze finden, nicht in Amsterdam. CORNELIA FIEDLER

MARENTE DE MOOR. Amsterdam und zurück. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Roman. Suhrkamp, Berlin 2010. 285 Seiten, 22,90 Euro. online bestellen via Suhrkamp